REFUGIO München - Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer
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REFUGIO München - Flüchtlingsfrauen
 

Frauen auf der Flucht

REFUGIO München - Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer
Wenn von Flüchtlingen die Rede ist, stehen vor allem verfolgte Männer im Blickfeld der öffentlichen Diskussion. Tatsächlich sind nach Schätzungen der UN weltweit ca. 80 % der Flüchtlinge Frauen und Kinder. Die wenigsten von ihnen schaffen jedoch mit ihren Kindern den langen Weg nach Europa. Flüchtlinge, denen die Flucht in europäische Länder gelingt, sind zu 75% Männer.

Frauenspezifische Fluchtursachen

Neben den allgemeinen Fluchtgründen wie Verfolgung aus politischen, ethnischen oder religiösen Gründen, die für Frauen und Männer gleichermaßen gelten, flüchten Frauen wegen weiterer spezifischer Gewalterfahrungen:
  • Vergewaltigung durch staatliche Amtsträger
  • angeordnete Massenvergewaltigungen als Mittel der Kriegsführung in ethnischen Konflikten
  • Verstoß gegen "kulturelle Normen", z.B. Kleiderregeln
  • Genitalverstümmelung
  • Zwangsverheiratung
  • Zwangsprostitution

Hilfe für Flüchtlingsfrauen

REFUGIO München setzt sich in der Beratung, Therapie und im aufenthaltsrechtlichen Verfahren für die besonderen Belange von Flüchtlingsfrauen ein, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Durch Aufklärungsarbeit bei Facheinrichtungen, Behörden und Gerichten wirbt REFUGIO München um Verständnis für die Situation von Flüchtlingsfrauen. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden Schulungen für Mitarbeiter, die im Asylverfahren mitwirken, im Hinblick auf die Situation von Flüchtlingsfrauen durchgeführt. REFUGIO München weist immer wieder auf die Bedeutung von Dolmetscherinnen und Ärztinnen im Asylverfahren hin. Seit der Massenvertreibung aus dem Kosova 1999 ist der Anteil der betreuten Frauen unter den Klienten stark gestiegen. Jährlich werden ca. 200 Frauen behandelt.

Soziale Beratung

Neben dem üblichen Beratungsbedarf von Flüchtlingen steht bei Flüchtlingsfrauen mit sexueller Gewalterfahrung die Unterstützung im Asylverfahren im Mittelpunkt der sozialen Beratung. Die Frauen stehen im Spannungsverhältnis einer erlittenen sexuellen Gewalterfahrung. Einerseits wäre es erforderlich, dass sie ihre Erlebnisse in das Asylverfahren einbringen, um einen gesicherten Aufenthaltsstatus zu erlangen. Andererseits verhindern Scham gegenüber den Mitarbeitern in den Behörden und Angst vor Verstoßung aus der Ehe bzw. Familie, dass die Frauen über ihre traumatischen Erlebnisse berichten.
Dieser Widerspruch verzögert oder verhindert in vielen Fällen, dass Frauen möglichst schnell einen gesicherten Aufenthaltsstatus erlangen. REFUGIO München kann durch einen geschulten, kulturell sensiblen Umgang mit diesen Frauen helfen, die Widersprüche aufzulösen. In vielen Fällen erreichen wir so eine Verbesserung der Aufenthaltssituation. Das Gefühl von "Sicherheit" ist für Flüchtlingsfrauen von zentraler Bedeutung für einen erfolgreichen therapeutischen Prozess.

Therapie

Die Folgen aus den Erfahrungen sexueller Gewalt zu überwinden, ist ein langer Leidensweg. Für viele Frauen ist charakteristisch, dass sie oft lange nicht über die erlittene Gewalt sprechen können, sondern diese verschlüsselt umschreiben. Wiederkehrende Redewendungen sind z.B.: "Ich wurde ausgeführt." oder "Ich wurde zum Kaffeekochen geholt." Viele Frauen bezeichnen sich selbst "als für immer gezeichnet" und erleben die Erfahrung des "Opfer-Seins" als zu ihrer Identität zugehörig. Neben der Reduktion der Symptome ist das zentrale therapeutische Ziel von REFUGIO München den Flüchtlingsfrauen ihre eigene Stärke und Wirksamkeit im Alltag wieder erfahrbar zu machen.

Gruppen

Kulturell bedingt sind den meisten Flüchtlingsfrauen Hilfsorganisationen, wie Beratungszentren o. ä. meist fremd. Gruppenangebote für Frauen ermöglichen es ihnen, in sicherem Abstand Vertrauen zu REFUGIO München und den anderen Frauen aufzubauen. In der Gruppe machen sie die Erfahrung, dass anderen Frauen ähnliches zugestoßen ist. Dies wirkt oft sehr entlastend und tröstlich. Die Gruppen bieten einen geschützten Raum für gegenseitige Unterstützung und das Einüben neuer Verhaltensweisen. Der große Bedarf an therapeutischer Hilfe, z.B. bei der Aufnahme der Kosova-Flüchtlinge, konnte nur durch Gruppenangebote aufgefangen werden. Die Gruppentherapie ist heute eine Ergänzung und Alternative zur Einzeltherapie.

Neues Zuwanderungsgesetz

Durch das am 01.01.2005 in Kraft getretene neue Zuwanderungsgesetz hat sich die rechtliche Situation von verfolgten Flüchtlingsfrauen verbessert. Geschlechtsspezifische Gründe für Verfolgung sollten jetzt im Antrag auf politisches Asyl in Deutschland anerkannt werden. REFUGIO München wird sich in den kommenden Jahren weiterhin dafür einsetzen, dass dieses verbriefte Recht auch in der Praxis umgesetzt wird.

Links

Reproductive Health Response in Conflict Consortium
www.amnestyforwomen.de
www.medicamondiale.org
www.frauenrechte.de (TERRE DES FEMMES)
Karin Stuchly: "Frauen auf der Flucht"
Angelika Birck: "Verfolgung und Flucht von Frauen"
Literatur
  • Jensen, Inke 2003, Frauen im Asyl- und Flüchtlingsrecht. Nomos Verlag Baden-Baden
  • Erica Fischer 1997: Am Anfang war die Wut. Monika Hauser und Medica mondiale. Ein Frauenprojekt im Krieg. Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln
  • Stefan Gose 1994: Männlichkeit, Militär und Vergewaltigung. Männliches Rollenverhalten als Ausgangsbasis sexueller Übergriffe in Kriegen. In: Gewohnheitstäter, Männer und Gewalt von Alexander Diekmann, Michael Herschelmann, Detlef Pech, Konrad Schmid (Hrsg.) Köln
  • Alexandra Stiglmayer (Hrsg.) 1993: Massenvergewaltigung, Krieg gegen Frauen. Fischer Taschenbuchverlag