Bei der psychotherapeutischen Behandlung eines traumatisierten Menschen werden im Rahmen einer Diagnosestellung neben der Symptomatik auch die persönlichen Möglichkeiten und Bewältigungsformen im Umgang mit der traumatischen Erfahrung festgestellt. Wichtig ist auch die Abklärung der gegenwärtigen Lebensbedingungen, d.h. welcher Grad an Schutz und Sicherheit dem Flüchtling zur Verfügung steht. Erst nach Analyse dieser individuellen Bedingungen können entsprechende Behandlungsziele aufgestellt werden.
Traumatherapie verläuft in drei Phasen
Die Behandlungsziele und -schritte orientieren sich an verschiedenen Behandlungsphasen, deren chronologischer Ablauf sich für einen effektiven Behandlungsverlauf bewährt hat.
Krisenintervention
Die Mehrheit der Flüchtlinge sucht erst dann Hilfe, wenn sich ihre Lage krisenhaft zugespitzt hat. In der Regel finden sie den Weg nicht direkt zu uns, sondern werden von anderen Facheinrichtungen zu REFUGIO München überwiesen. Für diese Phase ist die enge Kooperation mit der
Sozialberatung zur Sicherung der existenziellen Grundlage charakteristisch. Darüber hinaus steht die psychotherapeutische Behandlung von Eigen- und Fremdgefährdung im Vordergrund.
Stabilisierung
Eine traumatische Erfahrung - im Sinne von Menschenrechtsverletzungen - geht immer mit dem Gefühl völliger Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins sowie extremer Bedrohung einher. Deshalb ist im zweiten Schritt der Therapie die körperliche und psychische Stabilisierung der Patienten vorrangig. Stabilisierende therapeutische Maßnahmen zielen nicht auf die Auseinandersetzung mit dem vergangenen Trauma, sondern - im Gegenteil - auf die Reduzierung und Bewältigung gegenwärtiger Belastungen, um weitere Ursachen für eine andauernde psychische Destabilisierung zu vermindern.
Opfer menschlicher Gewalt haben das Vertrauen in Menschlichkeit verloren, daher ist die Gestaltung einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung die wesentliche Voraussetzung für den Heilungsprozess. Erst nach psychischer und körperlicher Stabilisierung der Opfer sowie der Sicherung der gegenwärtigen Lebensumstände (
Sozialberatung) ist eine Auseinandersetzung mit der traumatischen Erfahrung sinnvoll.
Auseinandersetzung mit der traumatischen Erfahrung
Eine Annäherung an das
Trauma ist nur dann möglich, wenn sich die Klienten während des Erinnerns an die traumatische Erfahrung nicht mehr von der Realität abwenden. In dieser für die Opfer schwierigen und belastenden Behandlungsphase konfrontieren sie sich mit Einzelheiten des Traumas und den dazugehörigen Emotionen, wie Scham, Schuld, Trauer und Rache.
Eingeflochten in diese Rückschau werden in der Stabilisierungsphase gewonnene Erkenntnisse und hilfreiche Sichtweisen, z.B. welche Überlebenskraft der traumatisierte Mensch während seiner traumatischen Erfahrungen bewiesen hat. Auf diese Weise wird eine Geschichte über das Trauma gestaltet, die sowohl das Leid des Opfers als auch die Kraft des Überlebenden beschreibt und würdigt. Diese Form der intensiven Auseinandersetzung mit dem Trauma und die Schaffung einer neuen Sichtweise über die traumatische Erfahrung ist für Flüchtlinge hilfreich. Langfristig werden sie so darin unterstützt, das Trauma als schwer zu ertragende und zutiefst prägende Episode innerhalb der eigenen Lebensgeschichte zu akzeptieren.
Die Akzeptanz des Traumas als ein vergangenes Ereignis ist Voraussetzung für ein weiteres Leben ohne andauernde, sich aufdrängende Erinnerung an das Trauma wie ein ständiger Schatten in der Gegenwart. Die Reduzierung der Symptome sowie die Fähigkeit, eine positive Zukunftsperspektive zu entwickeln, sind Zeichen von Heilung.
Literatur
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Judith L. Hermann (1994), Die Narben der Gewalt - Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden,
München
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Andreas Maercker (Hgs.) (2003), Therapie der posttraumatischen Belastungsstörungen,
2. Auflage, Springer Verlag
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Anne Boos (2005), Kognitive Verhaltenstherapie nach chronischer Traumatisierung,
Hogrefe Verlag