Fachärztliche Begutachtung

Professionelle Begutachtung ist wichtig

Schwer traumatisierte Menschen sind oft nicht in der Lage, in der Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge von ihrer Flucht zu erzählen. Umso wichtiger ist, dass sie ihre Krankheit belegen können. Hierbei leistet unsere Gutachtenstelle wichtige Arbeit. Aus 2019 bleibt ein Fall besonders in Erinnerung.

Heike Baumann-Conford ist froh, als der Richter vom Münchner Verwaltungsgericht sich im Februar 2019 am Telefon bei ihr meldet. Sie ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Der Verwaltungsrichter schildert den Fall einer jungen Frau aus dem Kongo. Sie ist Anfang 20 und hat gegen ihren negativen BAMF-Entscheid geklagt. Er vermutet, dass die Frau schwer traumatisiert ist. Das müsse sich eine Ärztin genauer ansehen. Deshalb gibt er ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag.

„Es passiert sehr selten, dass Richter sagen: Da will ich ein Gutachten haben, weil ich die Situation nicht einschätzen kann.“ Andrea Sandmaier freut sich über den Auftrag des Verwaltungsgerichts. Sie leitet unsere Gutachtenstelle und hat den Fall der jungen Kongolesin von ihrer Kollegin anschließend übernommen. „Wir würden uns das hier viel häufiger wünschen.“

Die Problematik ist nicht neu. Für MitarbeiterInnen in Behörden ist es schwer, gesunde von schwer traumatisierten Menschen zu unterscheiden. In der Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge müssen die AntragsstellerInnen ihre Fluchtgeschichte widerspruchsfrei darstellen. Dazu sind schwer traumatisierte Geflüchtete aber in der Regel nicht in der Lage. Ihre Ausführungen sind oft lückenhaft oder widersprüchlich. Ohne professionelle Hilfe schaffen sie es nicht, ihre Geschichte zu erzählen. Die schmerzhaftesten Erlebnisse sparen sie aus, haben sie bewusst oder unbewusst verdrängt. Bei Widersprüchen in ihren Erzählungen wird ihnen dann unterstellt, dass sie die Unwahrheit sagen würden. Es kommt immer wieder vor, dass BAMF-MitarbeiterInnen diese besonders schutzbedürftigen Personen als unglaubwürdig bewerten und ihnen einen Ablehnungsbescheid erteilen. Wie auch der Dame aus dem Kongo. Aber sie klagte gegen ihren Bescheid und hat letztlich Glück, dass der Richter ihre Krankheit in der Gerichtsverhandlung bemerkt und Refugio München um ein medizinisches Gutachten bittet.

„Bei unseren ersten Kontakt hat sie gar nichts erzählt“, erinnert sich Andrea Sandmaier. Ihre Mutter war mit ihr in den Termin gekommen. Auch eine Französisch-Dolmetscherin saß mit im Raum, aber die junge Frau wollte nichts sagen. „Zunächst habe ich dann die Mutter gebeten, den Raum zu verlassen, um allein mit der Tochter zu sprechen,“ schildet Sandmaier ihre Herangehensweise. „Die Frau zeigte starke dissoziative Symptome. Sie hat sich auf den Boden geworfen.“ Eine Dissoziation äußert sich häufig bei schwer traumatisierten Menschen. Es handelt sich um ein regelrechtes Auseinanderfallen von psychischen Funktionen in den Bereichen Wahrnehmung, Bewusstsein, Gedächtnis, Identität und Motorik. Andrea Sandmaier gelingt es mit einer speziellen Fragetechnik die Kongolesin im Gespräch zurück in die Realität zu holen. Anschließend erfährt sie, dass diese in ihrem Heimatland an einer Demonstration gegen die Regierung teilgenommen hat und verhaftet wurde. Aus der unmenschlichen Haft ist sie geflohen und wurde auf der Flucht vergewaltigt. Die Fachärztin hört aufmerksam zu, fragt nach und erstellt nach mehreren Stunden ihr psychiatrisches Gutachten. In diesem bestätigt sie die Vermutung des Richters, dass die Frau krank ist. Dieses Gutachten sendet Andrea Sandmaier an das Verwaltungsgericht. Erst Monate später erfährt sie, dass die Klientin wegen ihrer Krankheit einen Aufenthaltsstatus bekommen hat.

Mit dem Angebot der Gutachtenstelle schließt Refugio seit Jahren eine große Lücke im System, denn es mangelt an PsychiaterInnen, die speziell für die Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten in aufenthaltsrechtlichen Verfahren ausgebildet sind. Die Bayerische Landesärztekammer führt auf ihrer Website nur sieben GutachterInnen auf, die die entsprechende Qualifizierung zu Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen (SBPM) vorweisen. Zwei der sieben FachärztInnen arbeiten bei Refugio München. „Viele andere Psychiater sind sehr bemüht, auch ohne die Qualifikation“, sagt Sandmaier. „Das große Problem ist, dass solche Gutachten in der Regel nicht bezahlt werden. Deshalb ist auch die Zusatzqualifikation für Ärzte wenig attraktiv. Die Krankenkassen übernehmen nicht die Kosten für die Gutachten. Und natürlich haben die Geflüchteten selbst nicht das Geld dafür. So lange das Gutachten nicht vom BAMF oder einem Gericht angefordert wird, übernimmt also niemand die Kosten.“

Der Fall der jungen Kongolesin ist für das Team der Gutachtenstelle eine Erfolgsgeschichte. Nicht weil die junge Frau letztlich einen Aufenthalt bekommt. Dieses Urteil treffen andere. Für die Ärztinnen der Fachabteilung ist es ein Erfolg, dass sie ihre Arbeit machen konnten und die junge Frau ein medizinisches Gutachten erhalten hat, das jede psychisch kranke Person erhalten sollte. In diesem Fall hat das Rechtssystem gut funktioniert.