SoulCaRe: Früherkennung in der Erstaufnahme

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In der Kurzaufnahme für Asylsuchende im Euroindustriepark in München werden alle neu angekommenen Geflüchteten untergebracht, bevor sie auf andere Unterkünfte oder Ankereinrichtungen in Oberbayern verteilt werden. Seit Januar 2021 hat Refugio München hier ein eigenes Team, um besonders schwer psychisch belasteten Flüchtlingen frühzeitig helfen zu können. Stephanie Hinum, eine der Ärztinnen, beschreibt die ersten Tage:

Die Räume im siebenstöckigen ehemaligen Bürogebäude der Kurzaufnahme sind januargrau, funktional mit deutlichen Gebrauchsspuren, es gibt viel Security. Während wir noch mit dem Einzug beschäftigt sind, erwarten uns schon alle Nachbar*innen im Stockwerk und der erste Patient steht vor unserer Tür. Aber trotz Anfangschaos begrüßen uns alle, von Hausleitung über Diakonie bis Security, sehr freundlich. Wir werden durchs Haus geführt, versuchen die Strukturen zu verstehen, stellen uns vor und reden, fragen, erklären. Für die Peer-Berater*innen geht es sofort richtig los: der erste Hausrundgang, eigentlich nur als Orientierung gedacht, mündet gleich in vielen Gespräche mit Bewohner*innen.

Wir haben vom ersten Tag an Klient*innen: z.B. eine afghanische Familie, die eine Tochter auf der Flucht verloren hat. Alle Familienmitglieder sind schwer traumatisiert, am schlimmsten die Mutter und die 14jährige Zwillingsschwester. Wir sprechen mit der Regierung von Oberbayern, damit erst einmal ihre Weiterverteilung in eine andere Unterkunft gestoppt wird und wir genug Zeit haben, uns um die dringendsten Bedürfnisse zu kümmern. Wir müssen ihre Bedarfe definieren, von Unterbringung über Behandlung bis zum Asylverfahren und wie in diesem Fall das drängendste Problem – die Suche nach der Tochter – angehen. Von ärztlicher Seite müssen Berichte angefertigt werden und es braucht eine sozialpädagogische Bedarfsaufstellung für die Sozialberater*innen der nächsten Unterkunft.

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Unser engagiertes Team in der Kurzaufnahme für Asylsuchende

 

Ein sehr wichtiges Thema in den ersten Tagen ist die hohe emotionale Belastung der Peer-Berater*innen, die im täglichen Kontakt mit traumatisierten Menschen stehen werden. Dazu macht unsere hauseigene Fortbildungsabteilung von Refugio München eine Schulung, wie sie professionell vorgehen können, um mit möglichst vielen Klient*innen in Kontakt zu kommen, aber nicht zu stark wegen grausamer Erzählungen selbst belastet werden. Wir wissen, dass wir uns regelmäßig Zeit zur Intervision nehmen und unsere Arbeitsstrukturen immer wieder überprüfen müssen, damit alle im Team im Sinne unserer neuen Klient*innen gut arbeiten können.

Die ersten Wochen waren anstrengend und haben deutlich gezeigt, dass sehr viele Menschen sofort nach ihrer Ankunft in Deutschland unsere Hilfe brauchen. Auf Traumatisierungen und psychische Erkrankungen von Geflüchteten muss Rücksicht genommen werden und die Menschen müssen eine Chance haben, ihre besondere Vulnerabilität und ihre damit verbundenen Rechte geltend zu machen. Ihnen dabei zu helfen ist unsere Aufgabe, die wir in den nächsten Monaten mit allen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, angehen.

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