Heimweh

Heimweh, wenn es kein Zurück gibt 

Ich habe keine Mutter und kein Zuhause und ich kann nicht zurück in die Heimat.“ So beschreibt eine junge Klientin ihre Gefühle wenn sie Heimweh hat. Sie erzählt weiter: „Wenn ich koche, denke ich dabei an meine Mutter. Ich versuche so zu kochen, wie sie und dabei so stark zu sein wie sie. Aber es tut weh. Immer.“

Heimweh ist ein normales, menschliches Empfinden, wenn man Vertrautes hinter sich lässt und sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden muss. Heimweh kennt jeder Mensch, manche von uns öfter im Leben und manche selten.

Für viele geflüchteten Menschen ist Heimweh eine wiederkehrende, sehr schmerzvolle Empfindung, zeitweise so heftig, das es krankmachen kann. Wenn man von schwerem Heimweh geplagt ist, vergeht man vor Sehnsucht nach vertrauten Menschen, Landschaften und Orten, wird schwermütig und zieht sich von seiner Umwelt in sein Schneckenhaus zurück. Oft wird dieses Leiden bei geflüchteten Menschen angesichts der vielen anderen Probleme und Belastungen übersehen. Viele berichten auch erst dann darüber, wenn man sie darauf anspricht.

„Wenn ich an die Heimat denke, bin ich geistig nicht hier, nur mein Körper. Ich merke dann auch nicht was um mich herum passiert, ob ich Hunger habe oder mir kalt ist. Ich muss lernen, dann trotzdem auf mich zu achten, sonst werde ich krank“, berichtet ein anderer Klient.

Barbara Abdallah-Steinkopff hat auf unserer 25-Jahrfeier einen bewegenden Vortrag über Heimweh gehalten: “Ein griechisches Sprichwort beschreibt die  Sehnsucht nach dem Vertrauten sehr anschaulich „Heimweh ist wie Zimt, bitter und süß“.

Psychologisch gesehen bildet sich Heimweh aus dem Zusammenwirken zweier Lebensaufgaben, die gelöst werden müssen: Der Umgang mit der Trauer nach dem Verlust des Vertrauten und die Herausforderung, sich das neue Lebensumfeld vertraut zu machen und sich gut einzuleben.

Schmerzvoll und unstillbar kann Heimweh werden, wenn beide Lebensaufgaben unlösbar erscheinen, da sie geprägt sind von massiven Erschwernissen und Belastungen, wie es bei geflüchteten Menschen der Fall ist:

Zum einen die Flucht aus Zerstörung und Verfolgung, das Zurücklassen von Familienangehörigen in einer bedrohlichen Lebenssituation, das Erleben von Lebensgefahr und Sterben. Zum anderen das sich Einleben im Exil unter sehr erschwerten Umständen wie das Wohnen ohne Privatheit und Geborgenheit, das Fehlen einer Zukunftsperspektive aufgrund eines unsicheren Aufenthalts, die Erwartungen der Zurückgebliebenen nach Unterstützung nicht immer erfüllen zu können und das Gefühl unerwünscht zu sein aufgrund der Erfahrungen von Diskriminierung.

Wie glücklich dürfen Geflüchtete im Exil sein?

Je unerwünschter man sich in der neuen Umwelt fühlt, desto mehr bleibt der Blick auf das Herkunftsland fixiert und der Wunsch, sich im Exil gut zu integrieren, gelingt dann kaum. Viele Geflüchtete fragen sich außerdem, wie glücklich sie sich eigentlich im Exil fühlen dürfen angesichts des Leids,  das die Daheimgebliebenen durchmachen.

Ein weiterer Klient sagt „Heimweh ist, wenn man etwas vermisst. Aber ich will nicht an meine Heimat denken, weil ich nicht an das denken möchte, was ich dort erlebt habe. Ich vermisse nur meine Familie. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde.“

Das Refugio-Team bietet fachliche Unterstützung an bei der Bewältigung der Trauer aufgrund der vergangenen Erfahrungen. Wir begleiten Menschen auch dabei, einen Zugang zur neuen Gesellschaft und Vertrautheit im neuen Land zu finden. Dabei spielt die Frage auch eine wichtige Rolle wie viel Veränderung verträglich ist für die eigene Identität: Was behalte ich von meinen Wurzeln und welche neuen Vorstellungen übernehme ich.

Unsere Unterstützung ist  auch abhängig von den gesellschaftspolitischen Gegebenheiten und rechtlichen Regelungen, wie afghanische Demonstranten mit Schildern mit folgender Aufschrift zum Ausdruck brachten: Wir möchten Steuerzahler werden! Aber „Heimweh“ bedeutet für viele auch „sich fremd fühlen“. Wir können den Schmerz der verlorenen Heimat nicht auslöschen, aber wir können Geflüchteten helfen, sich weniger fremd zu fühlen. Der Trost der kleinen Dinge kann Heimweh mildern und dazu können wir schon beitragen, indem wir versuchen zu verstehen.