WIE MACHT MAN THERAPIE IM HOMEOFFICE?

Szabina Toth ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Sie erzählt wie sie in den Wochen der Ausgangsbeschränkungen von März bis Mai mit ihren jungen Klient*innen gearbeitet hat.

RM: Szabina, welche Klient*innen hast du bei Refugio München in Therapie?
Im Kinder- und Jugendlichenbereich behandeln wir Patient*innen bis 21 Jahre, darunter sind auch viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die meisten meiner Klient*innen sind zwischen 16 und 21 Jahre alt. Ein Mädchen, das ich in Behandlung habe, ist erst 13.

Was hatten die Ausgangsbeschränkungen von März bis Mai für Auswirkungen auf deine Arbeit?
Wir mussten erst mal von Zuhause aus arbeiten. Alle Termine mit Klient*innen in der Einrichtung wurden abgesagt. Vor Ort gab es nur eine Notbetreuung für Krisenfälle mit einem Kinder- und Jugendlichen-Psychiater und einer Sozialpädagogin, alle anderen Behandler*innen waren zuhause und wir haben telefonisch Kontakt gehalten. Nach drei Wochen bin ich dann 1-2 Tage in der Woche zu Refugio gekommen, um die Klient*innen zu treffen, die in einer sehr kritischen psychischen Situation waren und persönlich begleitet werden mussten.
Außerdem habe ich versucht, die Klient*innen per Videosprechstunde zu sehen, aber die meisten haben eine zu schlechte Internetverbindung oder gar kein Internet in ihrer Unterkunft. Deshalb habe ich meistens mit ihnen telefoniert. Die Dolmetscher*innen haben wir auch per Telefon dazu geholt

Wie macht man Therapie aus dem Homeoffice?
Es war eher eine Beratung, wie die Klient*innen ihren Tag strukturieren können, ein Versorgen und Stabilisieren im Alltag. Therapeutisches Arbeitenist am Telefon nicht wirklich möglich. Es ging hauptsächlich darum, dass sich die Symptomatik nicht verschlechert und die Klient*innen nichtvöllig im sozialen Rückzug oder in einer Depression landen.

Für viele unserer Klient*innen waren die Mitarbeiter*innen von Refugio München der einzige Kontakt außerhalb der Unterkünfte, während der Ausgangsbeschränkungen oder Quarantäne.

Und wie erging es deinen Klient*innen dabei?
Die meisten haben unter der Isolation gelitten, vor allem in den Gemeinschaftsunterkünften, in denen die Sozialdiensteabgezogen wurden. Ihre einzige Verbindung nach draußen waren wir. Sie haben auch sehr unter dem „Schulentzug“ gelitten. In manchen Einrichtungen durften die Jugendlichen nicht mal mehr das Gelände verlassen. Denen ging es echt schlecht. Diejenigen, die eh schon zum Rückzug neigen, haben sich noch mehr eingeigelt. Da mussten wir uns sehr darum kümmern, dass sie psychisch stabil bleiben. Viele waren in der Anfangszeit auch sehr schlecht informiert und konnten die Gefahr nicht einschätzen. Andere hatten einfach Angst. Deswegen haben wir auch viel Aufklärungsarbeit über Corona gemacht.

Wie waren die ersten persönlichen Treffen im Mai/Juni für dich und die Klient*innen, die du länger nicht gesehen hattest?
Alle haben sich sehr gefreut und waren froh wieder herkommen zu können. Sie hatten eine große Sehnsucht, wieder persönlich reden zu können und uns zu sehen. Und wie uns allen, hat es ihnen auch gut getan, wieder mehr Normalität zu haben. Für Geflüchtete ist es ja auch sonst schon ein Problem, dass sie sich nicht „normal“ fühlen. Für sie war es gFür ut, immer wieder von uns zu hören, dass die Situation für alle nicht normal ist und wir alle unsicher sind.

Eine Studie der Forschungsabteilung bei Refugio München hat ergeben, dass es einigen unserer Klient*innen gar nicht schlechter ging in der Zeit. Wie erklärst Du Dir das?
In der Hochzeit der Pandemie wurden alle Abschiebungen ausgesetzt. Das haben die Bewohner*innen der Unterkünfte natürlich mitbekommen und hat alle entlastet. Selbst diejenigen, die eigentlich wegen ihres Aufenthalts gar nicht abgeschoben werden können, haben oft immer noch große Angst vor Abschiebung. Sie fühlten sich trotz Corona einfach für einige Zeit in Sicherheit.
Und dann ist es sicher auch ein Erfolg unserer Arbeit, dass die Menschen mit Krisen besser umgehen können. Das ist ja auch ein Ziel von Therapie und offensichtlich haben wir da bei einigen Menschen gute Arbeit geleistet.

Vielen Dank, Szabina, für das Gespräch.