Amir aus Afghanistan

Keine Abschiebungen nach Afghanistan – warum eigentlich?

Amir* wurde von seiner Anwältin zur Begutachtung für das Asylverfahren bei Refugio München angemeldet. Er wurde in Afghanistan von den Taliban bedroht und als Jugendlicher von ihnen wiederholt vergewaltigt. Er ist seit Jahren in Deutschland und hat gearbeitet. Bis ein Abschiebeversuch durch das Land Bayern vor drei Jahren seine bis dahin mühsam stabil gehaltene Psyche zerstört hat. Das Bundesverfassungsgericht hatte ihn in letzter Minute vor der Abschiebung nach Kabul bewahrt, weil sein Asylverfahren noch gar nicht abgeschlossen war. Amir ist – wie so viele, die abgeschoben werden – kein Straftäter. Bayern schiebt auch gut integrierte Afghanen ohne Strafen ab.

Eine Fachärztin bei Refugio begutachtet ihn über mehrere Stunden und schreibt eine Stellungnahme. Amir sei schwer traumatisiert. Seit dem Abschiebeversuch kamen alle Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse in Afghanistan wieder hoch. Er hat massive Ängste und denkt an Selbstmord.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat ihm seine Geschichte nicht geglaubt und die fachliche Stellungnahme von Refugio München mit dem kurzen Hinweis „nicht nachvollziehbar“ verworfen. Der Termin vor dem Verwaltungsgericht München steht an. Amir ist unfassbar nervös. Geschlafen hat er in der Nacht nicht, aber das kennt er ja. Am Anfang der Verhandlung zittert das rechte Bein, bei der ersten Frage der Richterin, ob er erwerbstätig ist, fängt das zweite Bein an zu zittern und bald der ganze Körper. Nein, er hat inzwischen ein Arbeitsverbot, weil Bayern ihn abschieben möchte.

Im Dezember 2016 fand die erste Sammelabschiebung nach
Kabul statt, seitdem demonstrieren Engagierte Monat für Monat
gegen Abschiebungen nach Afghanistan.

Dass Amir anfangs in Deutschland funktioniert hat, wird ihm heute zum Verhängnis – er hat gearbeitet und sich ein Leben mit einer halbwegs gefestigten Fassade aufgebaut. Bis er in Deutschland in Abschiebehaft gekommen ist und bereits am Flughafen war, um nach Kabul verbracht zu werden. Die panische Angst, nach Afghanistan zu müssen, hat die mühsam aufrecht erhaltene Stabilität komplett zerstört. Aber das scheint der Richter zunächst nicht zu glauben. Wie könne ein traumatisierter Mensch jahrelang ohne offensichtliche Anzeichen für andere in der Gesellschaft funktionieren? Aber eine Traumatisierung und selbst schwerwiegende Suizidgedanken sind den Menschen nicht ins Gesicht geschrieben. Amir wollte vergessen, um zu überleben.

Der Richter versteht nicht, warum Amir in der ersten Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nichts von den Vergewaltigungen erzählt hat. Er konnte einfach nicht über diese schlimmen Erlebnisse sprechen.

Alles dreht sich um Amirs Glaubwürdigkeit. Es gibt zwei ausführliche psychiatrische Gutachten, die sein Trauma als glaubwürdig beurteilen. Er kann nur schwer und fragmentarisch über seine traumatischen Erlebnisse erzählen. Manches bleibt vage, manches wirkt widersprüchlich. Das ist typisch für Traumatisierte, erläutert die Fachärztin von Refugio München bei Gericht. Das Bundesamt bleibt bei seiner Ansicht: alles erfunden!

Der Richter ist am Ende davon überzeugt, dass Amir schwer krank ist und eine Rückkehr nicht möglich ist. Amir sagt selbst, er würde sich umbringen, wenn er dorthin zurück müsste.  Der Abschiebeversuch und das ganze Verfahren haben ihn gebrochen. Auch wenn er darf, im Moment ist er nicht mehr in der Lage zu arbeiten und für sich zu sorgen. Die Therapie bei Refugio soll ihn nun wieder dorthin führen, wo er schon einmal gut integriert in Deutschland stand.

Afghanistan kennt seit Jahrzehnten nur Krieg. Auch heute sind Bombenanschläge, Verschleppungen und Folter durch Taliban Alltag. Der Großteil der Bevölkerung ist aufgewachsen mit einem Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung. Viele kennen kein Gefühl von Sicherheit. Das zerstört die Psyche der Menschen. Deswegen setzt sich Refugio München für ein Abschiebeverbot nach Afghanistan ein. Solange dort keine Sicherheit herrscht, darf  niemand in diese Bedrohung abgeschoben werden. Allein die Angst vor der Abschiebung nach Afghanistan zerstört die Psyche so vieler Menschen. Wie die von Amir.

*Name geändert