Meron aus Eritrea

Das Glück, in Deutschland angekommen zu sein

Waltraud Volger ist ehrenamtliche Helferin beim Förderverein Refugio München e.V. Im Oktober 2019 hatte sie zum ersten Mal Kontakt mit Meron, einem 19-jährigen jungen Mann aus Eritrea, der den Fotokurs der Refugio Kunstwerkstatt besucht. Für ein Buchprojekt hat Waltraud seine Geschichte aufgeschrieben und wir dürfen hier im report einen Auszug daraus vorab veröffentlichen:

Meron aus Eritrea – ich musste zugeben, dass ich über dieses Land und die Menschen dort nichts wusste. Ich hörte aufmerksam zu, wenn er erzählte und tauchte so langsam in eine mir bislang fremde Welt ein. Auf einmal wurden viele Fragen, die ich mir zum Thema ‚Flucht‘ gestellt hatte, beantwortet. Meron konnte mir erklären, weshalb er als minderjähriger Jugendlicher sein Heimatland und seine Familie verlassen hat, was er auf seiner Flucht nach Deutschland erlebte und er berichtete mir über das Glück, in Deutschland angekommen zu sein:

Mein Name ist Meron. Ich komme aus Eritrea, einem kleinen Staat im Nordosten Afrikas, das seit 1993 sehr autoritär von dem Staatspräsidenten Isayas Afewerki regiert wird.

Eigentlich sollte ich bis zur 11. Klasse auf der Schule bleiben, um von da aus direkt in die Sawa zu wechseln. Die Sawa ist ein Militärcamp, in dem alle Schüler das 12. Schuljahr verpflichtend besuchen müssen, um dort eine Art Grundwehrdienst abzuleisten. An diesen Militärdienst schließt sich ein ziviler Nationaldienst, der sogenannte Community Service, an.  Dabei handelt es sich um einen unbegrenzten Arbeitsdienst, der von der Regierung für jeden Einzelnen Jahr um Jahr verlängert werden und bis zum 55. Lebensjahr eines Mannes dauern kann.

Um der Willkür des Regimes meines Heimatlandes zu entgehen, musste ich jetzt eine Entscheidung treffen. Auf keinen Fall wollte ich, wie mein Bruder, auf unbestimmte Zeit unfreiwilliger Soldat der eritreischen Armee sein. Mir war bewusst was das bedeutet: Soldat eines Diktators zu sein, ohne Rechte sadistischen Befehlshabern ausgesetzt zu sein, die einen jederzeit einsperren und verprügeln konnten oder zwingen, anderen Menschen Schreckliches anzutun. Ich hätte keinen Beruf wählen können, sondern wäre im Auftrag der Regierung gezwungen worden, gegen einen geringen Lohn irgendwelche Arbeiten zu verrichten … ich musste mein Heimatland verlassen.

Meinen Eltern verriet ich natürlich nichts von meinen Plänen denn sie hätten alles versucht, um mich von diesem gefährlichen Vorhaben abzubringen.

Die Erinnerungen sind heute noch schwer zu ertragen

Ich bin auf meiner Flucht durch Äthiopien, den Sudan und Libyen gekommen.

Es war schrecklich, wenn den Schleppern etwas nicht passte, schlugen sie mit den Gewehrkolben auf die Männer ein oder vergewaltigten Frauen aus der Gruppe. Oft mussten deren verzweifelte Ehemänner dabei tatenlos zuschauen. Sie konnten nichts tun, denn wären sie ihren Frauen zu Hilfe gekommen, hätten sie die bewaffneten Vergewaltiger erschossen.

Es ist für mich heute noch schwer zu ertragen, wenn ich an die Zeit in dem libyschen Flüchtlingslager zurückdenke. Es herrschten unvorstellbare hygienische Zustände. Überall lag Schmutz und Unrat herum, die Menschen konnten sich nicht richtig waschen und jeder hatte Hunger oder Durst, denn es gab nur zweimal am Tag ein bisschen zu essen. Wer zur „Police“ gehörte, war nicht zimperlich und verprügelte jederzeit die Camp-Insassen. Am meisten taten mir die Frauen und Mädchen leid, die ständig der sexuellen Gewalt durch Aufseher oder „Police“ ausgesetzt waren.

Mein Bruder, der in der Schweiz lebt, hat dann Lösegeld für mich bezahlt und ich konnte das Lager verlassen und mich auf die lebensgefährliche Überfahrt Richtung Europa machen. Über Italien bin ich dann nach Deutschland gekommen.

An der deutschen Grenze holte mich die Grenzpolizei aus dem Zug und ich wurde als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling erfasst. Dann wurde mir erklärt, dass es in München ein Flüchtlingslager für Jugendliche wie mich gebe und ich mit der Bahn – ein Zugticket bis München hatte ich ja schon – weiterfahren könne.

Meron ist in München angekommen, dass er Hilfe hatte, hat vieles leichter gemacht.

In München angekommen, gab es endlich Dolmetscher, die meine Sprache Tigrinya verstanden, und Menschen, die mir weiterhalfen. Ich hatte es nach Deutschland geschafft – ich gebe aber zu, dass es anfangs für mich nicht einfach war. Fern von meiner Familie lebte ich mit einer Gruppe Jugendlicher aus unterschiedlichen Ländern zusammen und die verschiedenen Sprachen machten die Verständigung schwer. Auch außerhalb des Hauses kam ich schlecht zurecht, denn ich sprach noch kein Wort deutsch und nur sehr wenig englisch. Ich hatte keine sinnvolle Beschäftigung und außerdem fror ich ständig, denn in Deutschland war Winter.

Ich war sehr froh darüber, dass ich dann recht bald an einem sechsmonatigen Deutschkurs teilnehmen durfte und die Sprache des Landes, in dem ich nun lebte, lernen konnte. Anschließend besuchte ich ein weiteres halbes Jahr lang bei KommProjekt die Grundschule (A 2) und bereits nach einem Jahr in Deutschland machte ich meinen Hauptschulabschluss.

Gerade bemühe ich mich um einen Ausbildungsplatz als Elektroniker. Eigentlich wollte ich ja Fotograf werden. Aber bei all den Möglichkeiten, die mir jetzt zur Verfügung stehen, habe ich mich für eine Ausbildung zum Elektroniker entschieden.

Die Fotogruppe im „LuKi“

Apropos Fotograf: Mit der Schule und dem Lernen war ich zwar gut beschäftigt, eine Betreuerin unserer WG fragte mich aber, was ich denn für Hobbys hätte, damit ich auch meine Freizeit sinnvoller gestalten kann. Ich erzählte ihr, dass ich sehr gerne fotografiere. Daraufhin brachte mich die Betreuerin zur Refugio München Kunstwerkstatt „LUKI“ am Luise-Kieselbach-Platz. Diese von dem Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge ins Leben gerufene Einrichtung bietet Mal-, Musik- oder Fotogruppen für junge Flüchtlinge an. Ich lernte dort viele sehr nette Leute kennen, wie zum Beispiel den Rapper Pascal Momboisse, der sich um die Musikgruppe kümmert, oder den Fotografen Max Kratzer, der die Fotogruppe leitet. Gemeinsam mit anderen jungen Flüchtlingen, die aus allen möglichen Ländern der Welt nach Deutschland gekommen waren, verbrachte ich jetzt fast jeden Mittwoch im LUKI und fühlte mich dort sehr wohl. Mit Max und der Fotogruppe spazierten wir durch München oder das Umland, fotografierten und hatten eine gute Zeit miteinander. Zumindest in dieser Zeit waren Flucht und Heimweh vergessen und jeder Teilnehmer, der in der Vergangenheit schlimme Dinge erlebt hatte, konnte für eine Weile unbeschwert und glücklich sein.

Meron in der Refugio München Kunstwerkstatt.
Eigentlich ist er der Fotograf, aber für die anderen in der Gruppe posiert er auch mal mit der Gitarre.

Ich hoffe, dass ich nach meiner Ausbildung zum Elektroniker eine gute Arbeit finden werde, damit ich meinen Lebensunterhalt und meine Miete selber zahlen kann und nicht mehr auf Hilfe angewiesen bin.

Ach ja … da gibt es ja noch Hani aus Eritrea, die ich in einem Café im Sudan kennengelernt habe. Über Facebook fand ich heraus, dass sie es ebenfalls bis nach Deutschland geschafft hatte. Sie lebt in Karlsruhe, wo sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin macht. Wir sehen uns mehr oder weniger regelmäßig und ich hoffe, sie wird eines Tages JA sagen, wenn ich sie frage, ob sie meine Frau werden und mit mir hier in Deutschland eine Familie gründen möchte.