„Mein Testament ist auch ein politisches Statement“

Jahresbericht 2020
Stiftung ChancenReich

30 Jahre lang hat Christa Empen in der Stadtverwaltung nach Lösungen für soziale Probleme in München gesucht und diese immer wieder gefunden. Heute ist sie Stifterin unserer Stiftung Chancenreich. Warum?

 

Frau Empen, wofür steht Refugio München?

Refugio habe ich 1994 zur Zeit der Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien kennengelernt als qualifizierte multifachliche Beratungsstelle. Später auch als Behandlungszentrum für traumatisierte Geflüchtete. Es ist für mich auch von Anfang an verbunden mit dem Namen von Anni Kammerlander als Garantin für Fachlichkeit und politische Haltung. Das für menschenrechtliche Positionen und Flüchtlingshilfen aufgeschlossene München kannte und kennt Refugio.

Warum ist Ihnen das Thema Flucht und Trauma wichtig?

Ich habe als junge Frau viel Emigranten- und Fluchtliteratur gelesen. Mit den Flüchtlingen, die ohne großes Budget über die Alpen, die Pyrenäen, die Ostsee und den Atlantik vor der Gestapo flüchten mussten, habe ich mich sehr verbunden gefühlt.

Sie haben ja lange für die Stadt gearbeitet. Was haben Sie dort gemacht?

Ich war bzw. bin Sozialarbeiterin und habe 30 Jahre lang soziale Belange bei der Stadt bearbeitet – zunächst in der Planung im Sozialreferat und später im Rathaus. Im Sozialreferat ging es um Projekte für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, für die die traditionellen Hilfsangebote nicht passten, z.B. um ein Frauenhaus oder einen Standplatz für Landfahrer. Knappe 10 Jahre habe ich in den Büros der Bürgermeister Dr. Klaus Hahnzog und Christian Ude mitgearbeitet. 1997 richtete OB Christian Ude eine Beschwerdestelle für Probleme in der Altenpflege im Rathaus ein und beauftragte mich mit der Leitung. Meine Arbeit war immer das Ergebnis von enger Zusammenarbeit mit Menschen, die ähnliche Vorstellungen von einer solidarischen Stadtgesellschaft hatten. Man glaubt gar nicht, wie viele tolle Menschen sich im Dschungel einer Stadtverwaltung tummeln! Für diese Erfahrungen bin ich sehr dankbar.

Gibt es einen besonderen Moment, den Sie mit Refugio München verbinden?

 Ja, das war die Ausstellung der Refugio Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung in 2018. Es gibt davon einen Katalog mit dem Titel „unterwegs“, dessen Bilder mich immer wieder tief berühren.

Sie haben entschieden, Refugio München und die Stiftung ChancenReich in Ihrem Testament zu bedenken. Warum?

 Ich habe mich gefragt: Was ist mir am Ende des Lebens wirklich wichtig? Wo möchte ich einen Akzent setzen, wie meinen Dank den Menschen und dem Leben gegenüber zum Ausdruck bringen?  Mit meiner Entscheidung, Refugio München über die Stiftung ChancenReich mit einem Teil meines Nachlasses zu bedenken, möchte ich Geflüchtete willkommen heißen und Menschen, die sich ihrer annehmen, meinen Respekt zeigen. In diesem Sinne verstehe ich mein Testament auch als politisches Statement.

Wichtig ist mir bei Refugio das Konzept des „Interkulturellen Pendelns“, das Offenheit und Interesse am Gegenüber voraussetzt, bewertungsfrei, auf Augenhöhe und gleichzeitig die eigenen Grundwerte reflektiert. Die Wertschätzung der Herkunftskultur kann den Schritt zur Akzeptanz der hiesigen Kultur erleichtern. Es kann etwas Drittes Gemeinsames entstehen. Das hatte ich mir immer für meine Arbeit vorgenommen, ohne es so bildhaft ausdrücken zu können.

Stifterin Christa Empen will „einer guten Sache ein Zuhause geben“

Welchen Rat würden Sie anderen Menschen geben, die vorhaben, sich mit dem Thema Nachlass auseinanderzusetzen?

Sobald Klarheit besteht, was einem wichtig ist, sollte man sich für die Formalien professionell beraten lassen, das Wort „später“ von der Agenda streichen, Papier und Stift in die Hand nehmen und ein Testament  abfassen – handschriftlich mit Datum und Unterschrift. Es kann ja jederzeit bei Bedarf korrigiert werden.

Sie wissen ja, dass Refugio München auf der Suche nach einer eigenen Immobilie in München ist. Haben Sie einen Tipp für uns?

 Das Wichtigste zur Realisierung bringt Refugio bereits mit: Den Glauben, dass es gelingen wird und die Überzeugung, dass es Menschen gibt, die bereit sind, einer guten Sache ein Zuhause zu geben. Und wenn es dauert und hoffnungslos erscheint, empfehle ich Hilde Domin: „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“

  

Sie interessieren sich für eine Zustiftung oder Testamentsspende?

Annette Hartmann steht Ihnen gerne für Fragen zur Verfügung:

Annette.Hartmann@refugio-muenchen.de