Therapie in Zeiten der Pandemie

Jahresbericht 2020
Erwachsenenbereich

Unsere Klient*innen waren von den Auswirkungen der Pandemie besonders betroffen. Das zeigt eine eigene Untersuchung, von der wir im Refugio Report im Dezember 2020 berichteten. Dennoch gab es im letzten Jahr viele positive Entwicklungen in unserer Arbeit.

 

„Den meisten Klientinnen und Klienten hat Corona regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen“, berichtet die psychologische Psychotherapeutin Katrin Kammerlander-Straub. Besonders Klient*innen aus afrikanischen Ländern fühlten sich zu Beginn an die Ebola Pandemie in Westafrika erinnert und waren verängstigt. Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften litten während des Lockdowns unter den beengten Wohnverhältnissen und den Ausgangsbeschränkungen.  „Normalerweise empfehle ich einer Klient*in mit Schlafstörungen einen Spaziergang an der frischen Luft. Das ist während der nächtlichen Ausgangssperre aber nicht möglich“, sagt Kammerlander-Straub.

Viele Gespräche mit unseren Klient*innen mussten wir in Zeiten des strengen Lockdowns oder wenn sie in Quarantäne waren per Telefon führen. Damit wir auch Dolmetscher*innen zuschalten konnten, richteten wir Telefonkonferenzen ein. Bei einigen wenigen waren auch Videoanrufe möglich, aber die Internetverbindungen in den Gemeinschaftsunterkünften sind meist zu schwach, ganz zu schweigen von der fehlenden Privatsphäre und Telefonate können keine persönlichen Therapiegespräche ersetzen. In vielen Fällen lief es daher auf kurze, tägliche Anrufe heraus, um die Klient*innen im Alltag zu stabilisieren. In sehr schwer belasteten Fällen und Krisensituationen sahen wir die Klient*innen aber auch während des strengen Lockdowns unter Einhaltung der Hygieneregeln in Präsenz weiter.

Unsere Frauengruppe traf sich im Sommer regelmäßig an der frischen Luft im Heilgarten am Mariahilfplatz. In den Gruppentreffen ging es z.B. um den Umgang mit Albträumen oder Schlaflosigkeit und die Aufklärung der Frauen über ihre Rechte und Möglichkeiten in Deutschland.

Trotz der schwierigen Gesamtsituation gab es Erfolgsgeschichten: Eine Klientin, die sich unter ihr nicht bekannten Menschen schnell unwohl fühlt, begann von zu Hause aus einen Online-Deutschkurs. Im Online-Kurs allein zu Hause verbesserte sie schnell ihre Sprachkenntnisse. Nachdem sie das B2-Zertifikat bestanden hatte, bewarb sie sich auf einen Ausbildungsplatz als Medizinische Fachangestellte. Und sie bekam die Stelle.

Therapie und Beratung mit Maske, aber der persönliche Kontakt ist nicht zu ersetzen

2020 brachte auch andere erfreuliche Entwicklungen: Therapeut*innen in Ausbildung können nun einen Teil ihrer Ausbildungsstunden bei Refugio München absolvieren. Mit dieser so genannten Lehrpraxis möchten wir möglichst viele Psychotherapeut*innen für die Arbeit mit traumatisierten, geflüchteten Menschen sensibilisieren. Im September 2020 begann Antonia Diederichs als erste Psychotherapeutin in Ausbildung ihre Arbeit in unserem Erwachsenenbereich. Durch die Tätigkeit habe sie ihren Horizont erweitert, erzählt sie: „Vieles läuft anders als man es klassisch in der therapeutischen Ausbildung lernt.“ Die Patient*innen seien in der Regel schwerer belastet als Menschen ohne Fluchthintergrund. Die Lebenssituation sei meist viel instabiler. Natürlich ist die Sprache eine riesige Herausforderung für die Therapie, der Refugio mit professionellen Dolmetscher*innen begegnet. Die begleitende Sozialberatung u.a. zu den Themen Aufenthalt, Arbeit und Sprache sind ebenfalls sehr wichtig. Viele niedergelassene Therapeut*innen seien auf die besondere Situation geflüchteter Menschen nicht eingestellt, erklärt Diederichs.

Auch 2020 erhielten wir weit mehr Anfragen als uns Therapieplätze zur Verfügung stehen. Aufgrund der begrenzten Kapazitäten müssen wir 2/3 der Anmeldungen ablehnen. Dies beschäftigt uns sehr, denn wir möchten möglichst allen helfen, die professionelle Therapie brauchen. „Wir fragen uns regelmäßig, wie wir unsere Hilfe noch besser an den Zielen und Bedürfnissen unserer Klient*innen ausrichten können,“ sagt Hanna Küstner-Nnetu, die den Fachbereich zusammen mit Jonathan Ebert leitet. Wir schauen uns alle Anfragen sorgfältig an und überlegen, ob wir Personen an andere Beratungsstellen oder Therapiezentren vermitteln können. Auch in 2021 werden wir uns deshalb bemühen, unser Wissen an andere soziale Einrichtungen weiterzugeben und unsere Netzwerke ausbauen.