Die Kunstwerkstatt im Wandel

Jahresbericht 2020
Refugio Kunstwerkstatt

Die Refugio München Kunstwerkstatt betreut seit 1993 Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung in künstlerisch-kreativen Gruppen. Wir bieten ihnen in den Gemeinschaftsunterkünften und auch in eigenen Refugio München Räumlichkeiten einen geschützten Ort und Rahmen, in dem sie buchstäblich etwas schaffen und damit ihre Vergangenheit verarbeiten können.

Die Kunstwerkstatt war 2020 auf besondere Weise von der Pandemie betroffen: Wir mussten im März unsere Räume für die Jugendgruppen im Seniorenstift St. Josef am Luise-Kiesselbach-Platz aufgeben. Sehr schnell hat sich abgezeichnet, dass wir für sehr lange Zeit das Gebäude zur Sicherheit der Senior*innen nicht mehr betreten konnten. Und so ist die Kunstwerkstatt auf Wanderschaft und die Suche nach einem neuen Zuhause gegangen. Mit Erfolg!

Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020, als es keine Möglichkeit zur Gruppenarbeit in den Unterkünften gab, haben wir über 500 Bastelpakete an Kinder in Gemeinschaftsunterkünften geschickt, um ihnen so in der schwierigen Situation eine kreative Beschäftigung zu bieten. So gut es ging haben unsere freien Mitarbeiter*innen das Bedürfnis unserer Teilnehmer*innen nach Austausch und Kommunikation im Online-Modus oder virtuell gestillt, sie haben Einzelgespräche geführt und online Workshops angeboten. Den Kontakt aufrecht zu erhalten war für die Kinder und Jugendlichen besonders wichtig, es ging um Informationen zu Corona, um konkrete Tipps, um in der Quarantäne kreativ zu bleiben oder einfach darum, jemanden zum Reden zu haben. Es fanden außerdem virtuelle Kleingruppen zu den Schwerpunkten Klavier-, Gitarren- und Gesangsunterricht statt. Die Mädchengruppen trafen sich online zum Austausch über die aktuelle Situation oder zum Tanzen nach einer zuvor erstellten gemeinsamen Playlist besonderer Lieblingslieder aus verschiedensten Ländern. Jede in ihrem Raum und doch gemeinsam.

Nachdem im Sommer die Arbeit in Kleingruppen unter besonderen Hygienemaßnahmen wieder möglich wurde, konnten wir unsere Gruppen in kleiner Besetzung wieder beginnen.

Pandemiebedingt wird die Kreativität nach
draußen verlegt

Um der Enge in den Unterkünften zu entkommen und mehr Kindern den Zugang zu den Gruppenangeboten zu ermöglichen, wurden die Ateliers kurzerhand nach draußen verlegt! Die direkte Umgebung wurde zum zentralen Motiv und die Bewegungen der Wolken, Schatten und des Lichts zu Bildern im Kontrast zum bedrückenden Stillstand während der langen Tage in der Isolation. Gemeinsame Spaziergänge durch Parks, ein Steinmuseum errichten, Mandalas aus Naturmaterialien gestalten, draußen gemeinsam musizieren und Wildschweine beobachten sind ein paar Beispiele für besondere Erlebnisse, die wir den Kindern bieten konnten.

Eine der Bands der Refugio München Kunstwerkstatt auf dem "Kunst im Quadrat" Festival

Trotz der Corona Pandemie und einem für alle schwierigen Jahr konnte die Kunstwerkstatt dank der großen Motivation und Flexibilität des Teams auch im Jahr 2020 neben der kontinuierlichen Gruppenarbeit einige Highlights durchführen:

Auftritte/Musikevents

Der erste Lockdown hat alle Auftritte unmöglich gemacht, aber im März konnten wir mit Vue Belle – ein Kooperationsprojekt der Refugio Kunstwerkstatt und Bellevue di Monaco – beim Online-Konzert Format „Glocke für zu Hause“ mit Abstand und Einhaltung der Hygiene-Regeln in der Glockenbachwerkstatt auftreten. Zum World Refugee Day im Juli hatten unsere Rapper auf dem schönen Bolzplatz zwischen Bellevue Di Monaco und Glockenbachwerkstatt die Chance, zum ersten Mal überhaupt vor Publikum aufzutreten. Auch Vue Belle und andere Teilnehmer*innen der Kunstwerkstatt waren dabei und so wurde es zu einem Fest unter Freunden im kleinen Kreise. Ein Highlight für alle Teilnehmer*innen waren auch unsere Auftritte im August bei „Kunst im Quadrat“ auf der Theresienwiese. Vor 200 Zuschauer*innen konnten Vue Belle und unsere Teilnehmer*innen als Kollektiv „Kaleidoskop“ auftreten. Schönes Wetter, viele Leute, eine riesige professionelle Bühne – da hat sich das Proben unter den schwierigen Umständen wirklich für alle gelohnt!

Bei einem einwöchigen Sommer-Workshop in Kooperation mit EMCY gab es auf dem Kulturstrand auf der Corneliusbrücke eine Jam Session mit Musiker*innen aus ganz Europa – die Stimmung war ausgelassen und die Musiker*innen harmonierten von Anfang an hervorragend! Als Abschluss des Workshops gab es ein mehrsprachiges und genreübergreifendes Konzert im Live-Stream, mit Zuschauer*innen aus ganz Europa und sogar noch eine Zugabe vor ausgewähltem Publikum im Minna Thiel.

Und dann gab es für uns noch eine besonders große Bühne: Die Sommerbühne im Olympiastadion mit 400 Zuschauer*innen! Zu diesem Zeitpunkt die größte Bühne der Stadt und für unsere Teilnehmer*innen auch der größte Auftritt ihrer noch jungen Karriere. Es wurde eine atemberaubender Hip Hop Jam unter dem legendären Spinnennetz-Dach des Olympiastadions.

Unter zunehmend schwierigen Corona-Bedingungen konnten wir im Rahmen des AusARTen-Festivals im Oktober einen Rap Workshop im Bellevue Di Monaco organisieren. Nachdem das ganze Jahr über immer wieder Workshops ausfallen, online gehalten oder nur unter Einzelbetreuung stattfinden konnten war dieser Workshop Balsam für die Seele unserer Teilnehmer*innen – endlich wieder gemeinsam neue Musik machen, neue Leute kennenlernen und vor allem von Profis lernen!

Ferienfreizeiten Mädchen und Fotoworkshop

Auf eines unser alljährlichen Highlights wollten wir nicht verzichten: die Ferienfreizeiten. Gerade in diesem schwierigen Jahr war es für die Jugendlichen wichtig, das Gruppengefühl zu stärken und die Enge der Unterkünfte zumindest für kurze Zeit zu verlassen. Im Sommer hatten wir die wunderbare Möglichkeit, mit der Mädchengruppe einige Tage am Ammersee zu verbringen und mit dem Fotoworkshop im wunderschönen Chiemgau wandern zu gehen und eine tolle Ferienzeit zu verbringen.

 Kino Asyl online

Das sechste KINO ASYL war ein besonderes: Zum ersten Mal konnten Menschen weltweit an den Geschichten und Filmbeiträgen unseres Festivals teilhaben, weil es online ausgetragen wurde. Familienmitglieder aus unterschiedlichsten Ländern verfolgten das buntgemischte Programm und die neue programmbegleitende digitale Ausstellung mit Filmen von Neuangekommenen. Die Eröffnung war interaktiv und wir blicken auf ein vielseitiges Festival zurück. Ein Blick auf die Webseite www.kinoasyl.de lohnt sich, dort sind weiterhin einige sehenswerte Filme zu entdecken!

Das Münchner Theater für Kinder hat für einen Nachmittag mit viel Freude gesorgt

Kindertheater

Das Münchner Theater für Kinder war mit dem mobilen Theater in den Sommerferien zu Gast in drei Gemeinschaftsunterkünften. Als der Theaterbus anrollt und die Schauspieler*innen beginnen die mobile Bühne vorzubereiten, ist die Freude groß. Viele Kinder aus unserer Kunstwerkstattgruppe waren mit Eltern und Geschwistern bei schönstem Wetter dabei und verbrachten einen wunderschönen Nachmittag draußen im Freien. Wir sagen ganz herzlich Danke an das Team des Münchner Theaters für Kinder und an Kulturraum München e.V. für die Vermittlung!

Ausflüge und Workshops im Haus der Kunst

Im Rahmen einer Projektwoche in den Sommerferien hatten wir die großartige Gelegenheit mit Kindern einer Kunstwerkstattgruppe das Haus der Kunst zu besuchen und dort an spannenden Workshops rund um die Ausstellung von Franz Erhard Walther teilzunehmen. Die Kinder haben die partizipativ geprägten Textilarbeiten des Künstlers selbst ausprobiert und hatten so nicht nur ein visuelles Erlebnis, sondern konnten den gesamten Körper mit einbeziehen. Vielen Dank an das Haus der Kunst für diese schöne Kooperation!

Ausblick

Nachdem wir pandemiebedingt unsere schönen Räume im Haus St. Josef leider verlassen mussten, können wir nach langer Suche endlich Mitte des Jahres 2021 neue Räumlichkeiten beziehen. Nach über einem Jahr ohne Zuhause freuen wir uns besonders, unseren Teilnehmer*innen wieder einen Ort der Begegnung mit Kunst und Kultur anzubieten.

In diesem schwierigen Jahr voller Turbulenzen hat sich für die Kunstwerkstatt herausgestellt, wie wertvoll unsere kontinuierliche Arbeit, wie wichtig die langen Beziehungen zu unseren Klient*innen, die hohe Motivation und das Engagement unserer Mitarbeiter*innen wirklich sind.