Stark gegen Rassismus:

Ein Projekt für Kinder

In der Heilpädagogischen Tagesstätte (HPT) Laim begleitet Florian Heinrich seit rund 20 Jahren Kinder mit seelischen Behinderungen. Viele Kinder haben Migrations- oder Fluchterfahrung. In den vergangenen Jahren ist ein Thema immer drängender geworden: Rassismus.

 

Heinrich, psychologisch-therapeutische Leitung der Einrichtung, erlebt eine steigende Belastung der Kinder: „Die rassistischen Zuschreibungen haben massiv zugenommen und vielen Kindern fehlen die Worte und das Wissen, um das Erlebte einzuordnen.“ Einige Kinder mit Eltern aus afrikanischen Ländern hatten zudem kaum Wissen über die eigene Herkunft, obwohl das ein wichtiger Schutzfaktor für Selbstwert und Identität sein kann.

Auf der Suche nach Unterstützung stieß Heinrich auf Refugio München – insbesondere auf das muttersprachliche Elterntraining, das Mütter und Väter mit Migrationshintergrund in ihrer Erziehungskompetenz stärkt. Dort arbeitet Frederic Lwano, Elterntrainer mit Wurzeln in der Demokratischen Republik Kongo. Er bringt nicht nur fachliche Expertise mit, sondern auch persönliche Erfahrung im Umgang mit Rassismus.

Aus dem Kontakt entstand ein gemeinsames Projekt für Eltern und Kinder im HPT Laim. Ziel war es, einen Raum zu schaffen, in dem offen über Rassismus gesprochen werden kann, in diesem Fall speziell über Anti-Schwarzen-Rassismus – und in dem Kinder lernen, dass sie Beleidigungen und Ausgrenzung nicht stillschweigend ertragen müssen.

Lernmomente gab es auch für die Projektleitung: Bei einem gemeinsamen Informationsabend mit Lwano berichteten Eltern offener als sonst von Diskriminierung, von abwertenden Herkunftsfragen und Erfahrungen in der Schule. Auch für die Kinder zwischen acht und elf Jahren war Lwanos Rolle als Identifikationsfigur wichtig. „Die Verbindung war sofort da“, berichtet er. Die Kinder erlebten einen Schwarzen Mann als kompetenten Experten.

Zu Beginn sollten sie afrikanische Persönlichkeiten mitbringen, die sie bewundern. Die Auswahl bestand aus Sänger*innen, Tänzer*innen oder Fußballern – Bilder, die häufig auf Menschen aus Afrika projiziert werden. Lwano zeigte andere Vorbilder: Politiker*innen, Intellektuelle, Friedensnobelpreisträger*innen. Zum Beispiel Nelson Mandela, dessen Kampf gegen die Apartheid vielen zum Vorbild für den Kampf gegen Rassismus wurde. Besonders berührt war Lwano vom Plan eines Mädchens: Sie will Anwältin werden, mit dem Ziel Rassismus zu bekämpfen und Betroffene von Diskriminierung zu verteidigen und zu schützen.

Viele hatten zuvor kaum Informationen über das Leben ihrer Familie im Herkunftsland. Daher waren Gespräche mit den eigenen Eltern zu Traditionen und der früheren Heimat ein weiteres Ziel. Für manche war es ein Aha-Moment, erstmals die Geschichte des eigenen Namens zu erforschen. Fragen an die Eltern über die Herkunft des Namens wurden zum Türöffner für Gespräche zu Hause, denn über die eigenen Wurzeln wurde häufig eher geschwiegen.

Das Projekt vermittelte mehrere zentrale Botschaften: Rassismus tut weh – aber es liegt nicht an dir. Du hast das Recht, dich zu wehren. Und du bist nicht allein. Die Kinder erfuhren, dass es Verbündete gibt, die sie unterstützen. Sie stellten Fragen, erzählten von eigenen Verletzungen und entwickelten Strategien, sich verbal zu behaupten. Sie übten, klar zu benennen: „Das ist rassistisch. Das will ich nicht.“

Heinrich betont, dass Rassismus kein Problem der Betroffenen ist, sondern derjenigen, die sich rassistisch und diskriminierend verhalten. Dennoch sei es wichtig, die Kinder zu stärken, damit sie handlungsfähig bleiben. „Das Projekt hat gezeigt, wie wichtig professionelle Partner wie Refugio München sind“, berichtet er, „besonders in Einrichtungen, die als „Generalisten“ viele Problemlagen gleichzeitig bewältigen müssen.“

In der Laimer Einrichtung hat das Projekt die Aufmerksamkeit für Rassismus langfristig geschärft: So wurden zum Beispiel Spiele und Spielzeug auf rassistische Stereotype überprüft. Die Kinder überarbeiteten daraufhin ein beliebtes Spiel, das zwar in Afrika stattfindet, jedoch ausschließlich weiße Figuren beinhaltete.

Fotos: Florian Heinrich

Die Kinder gestalten ein beliebtes Spiel mit Hautfarben für alle um.

Ein Folgeprojekt ist bereits geplant: Unter dem Motto „Bring your brother or sister“ sollen Geschwisterkinder einbezogen werden. Die teilnehmenden Kinder werden dabei selbst zu Vermittler*innen des Gelernten. Für die Kinder der HPT Laim bleibt vor allem eines: Sie sind Münchner Kinder – hier geboren oder aufgewachsen. Und zugleich tragen sie eine Herkunft in sich, die Stärke bedeutet. Das Projekt hat ihnen geholfen, diese Stärke zu erkennen – und sie gegen Rassismus einzusetzen.

Buchtipp
Florian Heinrich empfiehlt zwei Bücher, die ihm im Projekt geholfen haben:
*
Gib mir mal die Hautfarbe“ – mit Kindern über Rassismus sprechen von Olaolu Fajembola / Tebogo Nimindé-Dundadengar
* Black Heroes: Schwarz – Deutsch – Erfolgreich von Guy Kabengele, Kerstin Finkelstein, Ayşe Klinge[