Den Blick für traumatisierte Kinder schärfen

Fachbereich für Kinder und Jugendliche
Jahresbericht 2025

In Bayern gibt es für geflüchtete Kinder und Jugendliche auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Psychotherapie nur bei Refugio München mit den beiden Außenstellen in Augsburg und Landshut.

Als 2012 die Zahl unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter (UMF) stark angestiegen ist, war schnelles Handeln gefragt. Viele dieser Kinder und Jugendlichen warteten lange – zu lange – auf Unterstützung. Um ihnen geeignete und professionelle Hilfe zu bieten, entstand bei Refugio München die UMF-Ambulanz mit Psychotherapie und niedrigschwelligen Gruppenangeboten. Die Anbindung funktioniert gut, da die überwiegend Jugendlichen gut durch die Jugendhilfe betreut werden und die Fachkräfte psychische Probleme im Blick haben. So wurden viele UMF bei Refugio München vorgestellt und erhielten professionelle psychotherapeutische Unterstützung.

Doch während sich die Versorgung der unbegleiteten Minderjährigen stabilisierte, blieb eine andere Gruppe weitgehend im Hintergrund: Kinder und Jugendliche, die mit ihren Familien geflüchtet waren. Ein genauerer Blick zeigte ein deutliches Ungleichgewicht. Nur etwa ein Viertel der Kinder in Therapie bei Refugio München kam aus Familien – obwohl sie bei geflüchteten Minderjährigen insgesamt die deutlich größere Gruppe darstellen.

Diese Diskrepanz war Ausgangspunkt für ein Umdenken. Unsere Hypothese war: Kinder in Familien haben deutlich schlechteren Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung. Die Gründe dafür sind vielfältig: Sozialdienste in Unterkünften arbeiten häufig am Limit und konzentrieren sich vor allem auf die Eltern und existenzielle Themen wie das Asylverfahren. Ehrenamtliche Unterstützer*innen sind oft nicht ausreichend geschult, um psychische Belastungen bei Kindern zu erkennen und gleichzeitig fehlen Dolmetschende. Die Eltern selbst sind häufig so stark belastet, dass sie die Bedürfnisse ihrer Kinder schwerer wahrnehmen. Hinzu kommen Unsicherheiten und Ängste wie zum Beispiel die Sorge, dass Probleme mit den eigenen Kindern negative Konsequenzen durch das Jugendamt nach sich ziehen könnten. Oder das Wissen über Möglichkeiten der Hilfe und Therapie bei psychischen Problemen fehlt.

Besonders problematisch: Während auffälliges Verhalten wie Aggression schneller bemerkt wird, bleiben stille, depressive oder stark angepasste Kinder häufig unsichtbar. Und die Kinder wollen oft nicht auffallen, um ihren Eltern nicht zusätzliche Sorgen zu bereiten.

Deshalb hat sich unser Kinder- und Jugendteam in den vergangenen drei Jahren zum Ziel gesetzt, mehr Familien zu erreichen, um eventuell belasteten Kindern besser zu helfen. Dafür setzt das Team gezielt bei sogenannten Multiplikator*innen an – also bei Fachkräften, die regelmäßig Kontakt zu geflüchteten Familien haben. Es wurden Informationsplakate entwickelt, die konkrete Hinweise auf mögliche Belastungssymptome bei geflüchteten Kindern geben. Diese Plakate wurden in Unterkünften und Schulen im Umfeld von Gemeinschaftsunterkünften verteilt.

Darüber hinaus wurden regelmäßige Vernetzungstreffen initiiert – mit Sozialdiensten, Kindertagesstätten, Lehrkräften, Behörden und weiteren Akteur*innen. Ziel war es, für die besondere Situation geflüchteter Kinder zu sensibilisieren und den Blick gezielt auf ihre psychische Verfassung zu lenken.

Die Wirkung dieser Maßnahmen wurde deutlich sichtbar: 2023 waren 29 Prozent der Anmeldungen von begleiteten Kindern und Jugendlichen. 2024 waren es bereits 60 Prozent; 2025 stieg dieser Anteil auf 70 Prozent. Ein bemerkenswerter Wandel innerhalb von nur drei Jahren.

Heute ist klar: Kinder in Familien benötigen mindestens ebenso viel Unterstützung wie unbegleitete Minderjährige. Sie fallen jedoch leichter durch bestehende Versorgungsstrukturen. Gleichzeitig verfügen UMF häufig über eine bessere Anbindung durch die Jugendhilfe und haben mehr Möglichkeiten zur Selbsthilfe, weil sie in der Regel älter sind. Als Konsequenz aus diesen Erkenntnissen wurde schon vor Jahren bei Refugio München eine eigene Familienstelle aufgebaut, um die zusätzlich benötigten Ressourcen abzudecken und gezielt auf die Bedürfnisse dieser Gruppe einzugehen.

Der Prozess zeigt eindrücklich, was entscheidend ist: Es braucht nicht nur Angebote, sondern vor allem die richtigen Zugänge. Wer Kinder erreichen will, muss die Menschen erreichen, die sie täglich begleiten. Der Schlüssel liegt in der Sensibilisierung, der Vernetzung – und im genauen Hinsehen.

Unser Team für Kinder und Jugendliche in München
Unser Team für Kinder, Jugendliche und Familien in München