Wenn Erinnerung überwältigt – der Weg durch die Traumatherapie

Fachbereich Therapie und Beratung für Erwachsene
Jahresbericht 2025

Gewalt hat das Leben unserer Klient*innen meist so erschüttert, dass selbst einfache Orientierung im Alltag kaum noch möglich ist. Helfen kann nur professionelle Therapie wie bei Herrn M.

 

Als Herr M., ein Mann Mitte 30 aus der demokratischen Republik Kongo, zum Erstgespräch bei Refugio München kommt, ist er kaum ansprechbar. Sein Körper ist anwesend, doch er selbst wirkt abwesend. Er weiß nicht, wo er ist und warum er hier ist. Er ist in Begleitung einer Betreuerin aus der Psychiatrie, in der er zu diesem Zeitpunkt eingewiesen ist.

Unsere Therapeutin berichtet: Uns war klar, dass das kein leichter Prozess wird, dass es viel Energie, Zeit und Geduld erfordert. Aber es war auch klar, dass er dringend eine Psychotherapie braucht.

Herr M. war kein politischer Mensch. Um seine Frau, seinen Sohn und seine Schwestern zu versorgen, suchte er Arbeit in einer Region, in der es gefährliche Unruhen gab. Ein Video auf seinem Handy, das ein Massaker auf einer Demonstration zeigte, wurde ihm zum Verhängnis. Polizisten entdeckten es bei einer Kontrolle und verhafteten ihn. Im Gefängnis wurde er schwer misshandelt und mehrfach vergewaltigt. Ihm gelang die Flucht aus dem Gefängnis und er konnte mit dem Flugzeug nach Frankfurt ausreisen.

Die Therapeutin: Die ersten Symptome einer schweren Traumafolgestörung zeigten sich schon am Flughafen: Dissoziationen – also eine Art von geistiger völliger Abwesenheit – und Flashbacks – Zustände extremer Angst, in denen er die Vergangenheit so wieder erlebt, als geschähen die Vergewaltigungen jetzt. Bei Herrn M. eskalierte die Situation, als er im Flughafenverfahren in Deutschland (ein beschleunigtes Asylverfahren direkt am Flughafen) in Haft kam – eine Retraumatisierung, die seinen Zustand massiv verschlechterte.

Da Herr M. in seiner Anhörung aufgrund der Traumatisierung nichts über das Erlebte berichten konnte, wurde sein Asylgesuch abgelehnt. Da er aber nicht direkt abgeschoben wurde, kam er nach München in eine Asylunterkunft und von da in die Psychiatrie.

Die Therapeutin: Nachdem wir ihn aufgenommen hatten, war erst einmal die Stabilisierung das Wichtigste. Herr M. musste lernen, im Hier und Jetzt zu bleiben. Wenn Dissoziationen und Flashbacks sich ankündigten, sollte er sich darauf konzentrieren: Wo bin ich? Was sehe ich? Was höre ich?

Im Alltag zeigte sich, wie stark die Symptome ihn bestimmten: Er vermeidet Blickkontakt, spricht kaum. Geräusche wie das Öffnen einer Tür oder Schritte lösen Panik aus. Nachts quälen ihn Albträume. In der Therapie werden optische Ankerpunkte eingeübt: Tagsüber sagt ihm das typische Aussehen deutscher Heizungen, wo er ist. Nachts hat er Leuchtsterne an seinem Bett.

Die Therapeutin: Wir haben das in den Sitzungen geübt. Wenn er auf die Heizung schaut oder auf die Sterne, sollte er sich immer wieder sagen: „Ich bin in Deutschland, ich bin in Sicherheit, mir passiert nichts.“ Bis er es automatisch denkt. Bewegung war auch wichtig – Fahrradfahren, Spazierengehen, das Spüren des Bodens unter den Füßen, damit er den Körper wieder bewusst wahrnimmt.

Eine große Angst bleibt: Abschiebung. Sie begleitet ihn ständig, beeinflusst sein ganzes Denken. Die Vorbereitung auf die Gerichtsverhandlung zum Asylverfahren wird zu einer Herausforderung. Um seine Geschichte glaubhaft darzulegen, muss er die traumatischen Erlebnisse schildern. In der Therapie wird intensiv eingeübt, wie er drohende Dissoziationen abwenden kann. Und es gelingt ihm, dem Richter seine Geschichte zu erzählen. Auch der therapeutische Befundbericht hilft: Er erhält ein Abschiebeverbot.

Die Therapeutin: Nachdem die akute Stabilisierung gelungen ist und Herr M. keine Angst mehr vor Abschiebung hatte, konnten wir mit der Traumabearbeitung beginnen. Ziel ist dabei, dass die Erinnerungen nicht länger die Gegenwart dominieren, sondern sie bewusst eingeordnet werden können – als Teil der Vergangenheit.

Herr M. arbeitet inzwischen als Elektriker, hat Freundschaften geschlossen und ist stolz auf das Erreichte. Er arbeitet weiter an der Kontrolle über seine Erinnerungen, weil er mehr sein möchte als das, was ihm widerfahren ist.

Die Therapeutin: Es ist ein langer Prozess, aber ich bin froh, dass wir die Zeit hatten. Als er zu mir in die Therapie kam, hatte er den Blick nur nach unten, war immer bereit zur Flucht. Und jetzt sitzt da ein Mann, der auf seine Arbeit stolz ist und lachen kann. Er ist nicht wiederzuerkennen.

Unser Team für Erwachsene in München