Diskriminierung im Kontext von Flucht und Psychotherapie wissenschaftlich untersucht

Forschung
Jahresbericht 2025

Das kleine Forschungsteam von Refugio München widmet sich den besonderen Bedürfnissen geflüchteter Menschen, um deren Therapie kontinuierlich zu verbessern. Ein besonderer Fokus lag im vergangenen Jahr auf den Auswirkungen von Diskriminierung und Rassismus.

Die Forschungsabteilung von Refugio München arbeitet daran, psychosoziale Belastungen von geflüchteten Menschen wissenschaftlich zu untersuchen und die gewonnenen Erkenntnisse für Praxis, Fachöffentlichkeit und Gesellschaft nutzbar zu machen. Ein besonderer Schwerpunkt lag im vergangenen Jahr auf dem Thema Diskriminierung und Rassismus als postmigrantische Stressoren sowie deren Einfluss auf die psychische Gesundheit und therapeutische Prozesse.

Geflüchtete Menschen sind häufig vielfältigen Belastungen vor, während und nach der Flucht ausgesetzt. Neben traumatischen Erfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht spielen insbesondere Diskriminierung und Rassismus im Ankunftsland eine zentrale Rolle. Diese Erfahrungen können die psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigen und als sogenanntes „racial trauma“ (auf Deutsch: rassismusbedingtes Trauma, also die psychischen und emotionalen Folgen von Rassismus-Erfahrungen) wirksam werden. Trotz der hohen Relevanz dieses Themenfeldes sind die zugrunde liegenden Mechanismen und Zusammenhänge bislang noch unzureichend erforscht.

Vor diesem Hintergrund untersuchte eine Studie unseres Forschungsteams die Wahrnehmung von Diskriminierung in einer klinischen Stichprobe geflüchteter Menschen, die bei Refugio München in Behandlung sind. Die Ergebnisse zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Befragten (45 %) mindestens wöchentlich Diskriminierung erlebt – ein Wert, der deutlich über bisherigen Studien liegt. Diskriminierung wurde dabei besonders häufig in öffentlichen Einrichtungen wahrgenommen, etwa im Kontakt mit Behörden oder im Gesundheitswesen. Die Analysen zeigen zudem, dass die Aufenthaltsdauer in Deutschland ein signifikanter Einflussfaktor für die wahrgenommene Diskriminierung ist, während kein Zusammenhang mit Bildungsniveau oder PTBS-Symptomatik festgestellt werden konnte. Diese Befunde unterstreichen die Bedeutung struktureller und kontextueller Faktoren und stellen rein individuelle Erklärungsansätze infrage.

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen widmete sich eine zweite Studie der Frage, wie sich Diskriminierung konkret im therapeutischen Prozess auswirkt und wie Patientinnen den Umgang mit Rassismus in der Psychotherapie erleben. Hierfür wurde ein Mixed-Methods-Ansatz gewählt, der qualitative Interviews mit Patient*innen von Refugio München mit quantitativen Längsschnittdaten kombinierte. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Anstieg wahrgenommener Diskriminierung mit einer geringeren Verbesserung der PTBS-Symptomatik einhergeht. Als sehr unterstützend wurde wahrgenommen, dass die Therapeut*innen die geschilderten Diskriminierungserfahrungen ernst genommen und nicht relativiert haben. Gleichzeitig äußerten die befragten Patient*innen den Wunsch, Rassismus-Erfahrungen häufiger und differenzierter in der Therapie zu thematisieren.

Beide Studien wurden auf der Jahrestagung der deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) in Berlin vorgestellt und mit Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis diskutiert. Passend dazu bildete Diskriminierung den thematischen Schwerpunkt der diesjährigen Tagung. Die Ergebnisse beider Studien verdeutlichen, dass Diskriminierung ein zentraler Einflussfaktor für die psychische Gesundheit geflüchteter Menschen ist und auch therapeutische Prozesse maßgeblich beeinflussen kann. Daraus ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf: Neben der weiteren wissenschaftlichen Untersuchung sind insbesondere Sensibilisierung sowie Aus- und Weiterbildung von Fachkräften – etwa im Gesundheitswesen und in Behörden – notwendig, um Diskriminierung entgegenzuwirken und betroffene Menschen angemessen zu unterstützen.

Als eine der wenigen Forschungsabteilungen an einem psychosozialen Zentrum in Deutschland sieht sich Refugio München in einer besonderen Verantwortung, diese Forschungslücke zu adressieren. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen auch in Zukunft veröffentlicht und in die praktische Arbeit integriert werden, um langfristig zu einer verbesserten psychosozialen Versorgung geflüchteter Menschen beizutragen.

Unser Team in der Forschung