Fachärztliche Arbeit
Jahresbericht 2024
Bei Refugio München arbeiten wir bereits seit vielen Jahren sehr gut und vertrauensvoll mit der Rechtsmedizin der LMU München zusammen.

Wenn in der Therapie Narben gezeigt werden oder – teils auch nur in Ansätzen – von Folter berichtet wird, holen wir die fachärztliche Expertise der Rechtsmedizin dazu. Voraussetzung ist stets die freiwillige Zustimmung der Klient*innen. Die Untersuchung erfolgt in den Räumen der LMU und die Betroffenen entscheiden selbst, welche Verletzungen sie zeigen möchten. Die Atmosphäre ist medizinisch sachlich und respektvoll, damit auch sensible Bereiche thematisiert werden können. Eine hochauflösende Fotodokumentation ermöglicht eine präzise Analyse, selbst bei kaum sichtbaren Spuren, wie sie etwa durch Elektroschocks entstehen können.
Auf Grundlage der Untersuchung wird ein Gutachten erstellt, das beurteilt, ob die geschilderten Ereignisse mit den festgestellten Verletzungen vereinbar sind. Dieses Dokument kann im Asylverfahren eine wichtige Rolle spielen, da es die Glaubwürdigkeit stärkt – insbesondere dann, wenn traumatische Erinnerungen nur bruchstückhaft geschildert werden können. Finanziert werden die Gutachten über Spenden der Erzdiözese München und Freising.
Für viele Betroffene ist das Gutachten mehr als ein Beweismittel: Es bedeutet Anerkennung und kann ein wichtiger Schritt im Verarbeitungsprozess sein.

Definition Folter:
Nach Artikel 1 der UN-Antifolterkonvention versteht man unter Folter jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden. Diese Schmerzen bzw. Leiden zuführende Handlung erfolgt, um von der Person oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen oder um sie für eine tatsächlich oder mutmaßlich von ihr oder einem Dritten begangene Tat zu bestrafen oder um sie oder einen Dritten einzuschüchtern oder zu nötigen oder aus einem anderen, auf irgendeiner Art von Diskriminierung beruhenden Grund.
Täter sind nach dieser Definition Angehörige des öffentlichen Dienstes oder andere Personen, die auf deren Veranlassung oder mit deren ausdrücklichem oder stillschweigendem Einverständnis handeln.
Rund 60% unserer Klient*innen geben an, Folter selbst erlebt zu haben.
Frau Prof. Dr. med. Bettina Zinka, Oberärztin im Institut für Rechtsmedizin der LMU hat uns ein paar Fragen zu Ihrer Arbeit beantwortet:
Was beinhaltet ihre Arbeit als Rechtsmedizinerin normalerweise?
Wir untersuchen ungeklärte Todesfälle im Rahmen von knapp 3.000 Obduktionen pro Jahr, um die Todesursachen zu ermitteln; begutachten verletzte lebende Personen nach Gewalt- und Sexualdelikten; erstellen dazu Aktengutachten und nehmen als Gutachter an zahlreichen Gerichtsverhandlungen teil, in denen wir unsere Ergebnisse der Justiz zur Aufklärung der Taten und zur Urteilsfindung unterbreiten. Wir untersuchen aber auch Tatorte auf Blutspuren, intoxikierte Verkehrsteilnehmer auf ihre Fahrsicherheit und manchmal auch Hundebissverletzungen, um zu beurteilen, ob der Chihuahua oder die Bulldogge zugebissen hat.
Was sind die besonderen Herausforderungen in Ihrer Arbeit mit Klient*innen von Refugio München?
Sie stellen eine völlig neue Patientengruppe mit neuen und uns bislang oft unbekannten Verletzungsursachen dar. Für uns sind diese Begutachtungen eine ganz neue, spannende, wenn auch oft schockierende Tätigkeit, die uns einen völlig neuen Einblick in uns bislang unbekannte Gewaltformen gibt. Auch die Begutachtung im Rahmen von Asylverfahren von Frauen nach weiblicher Genitalverstümmelung ist ein neues Tätigkeitsfeld und dient in ganz unmittelbarer Weise dem Wohl der Patientinnen.
Sie sehen in Ihrer Arbeit – ob mit toten Körpern oder mit traumatisierten Überlebenden – sicher viel Leid. Wie gehen Sie damit um?
Mit einer gewissen Routine können wir alle diese Patienten meistens, aber nicht immer, als „Fälle“ ansehen und mit wissenschaftlichem Interesse, aber möglichst ohne persönliche Anteilnahme betrachten und so ein professionelles Arbeiten sicherstellen, was aber in besonders schockierenden und ungewöhnlichen Fällen schwierig sein kann. Auswirkungen des Jobs auf die Persönlichkeit und das Vertrauen in die Mitmenschen sind aber leider garantiert.
Vielen Dank für Ihre Arbeit und die interessanten Einblicke!
