Traumata im Spannungsfeld zwischen Individuum, Politik und Gesellschaft

Politische Arbeit
Jahresbericht 2025

 

2025 haben wir über 1.000 Menschen bei Refugio München mit unseren Außenstellen Augsburg und Landshut psychotherapeutisch behandelt. Dabei wurde häufig die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung gestellt. Als Menschenrechtsorganisation ist es auch unsere Aufgabe, auf die politische Dimension dieser Diagnose aufmerksam zu machen.

Trotz aller Unterschiede verbindet unsere Klient*innen eines: Sie leiden unter den Folgen extremer Gewalt. Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben ist für viele nur mit einer psychotherapeutischen Behandlung möglich. Auch wenn die Erlebnisse und Schicksale unserer Klient*innen individuell in der Behandlung betrachtet werden müssen, darf deren politische Relevanz aufgrund von Menschenrechtsverletzungen nicht aus dem Blick geraten. 

Bei der Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zeigt sich das Spannungsfeld zwischen einer individuellen medizinischen Diagnose und ihrer gesellschaftlich politischen Relevanz. Einerseits ist die Diagnose ein wichtiger Schritt, um erlittenes Leid zum Beispiel im Asylverfahren anzuerkennen. Andererseits birgt sie das Risiko, menschliche Reaktionen auf schreckliche Erlebnisse zu pathologisieren. Bei einer rein medizinisch psychologischen Betrachtung werden die zugrundeliegenden Ursachen dieser Menschenrechtsverletzungen nur unzureichend betrachtet. Wenn die Täterschaft und die politische Dimension des Traumas aus dem Blick geraten, besteht die Gefahr, dass die Ursachen – Krieg, Folter, Gewalt – des psychischen Leids unsichtbar bleiben und zu einem beliebigen Stressor werden. Dabei ist gerade für den Genesungsprozess der Geflüchteten wichtig, zu erkennen, dass nicht ihr Umgang mit den Erlebnissen falsch oder „gestört“ ist, sondern die Bedingungen, die diese Erlebnisse ermöglichten. Darüber hinaus darf im politischen Diskurs nicht ausgeblendet werden, dass wir als Gesellschaft, die den Menschenrechten verpflichtet ist, Verantwortung für den Schutz und die Genesung der Überlebenden zu übernehmen haben.

Wichtig als politische Dimension ist auch die „sequenzielle Traumatisierung“: Die traumatisierenden Erlebnisse unserer Klient*innen bestehen in der Regel nicht aus einem isolierten Gewalterlebnis, sondern aus mehreren aufeinanderfolgenden Ereignissen. Die Lebensbedingungen der Geflüchteten in der Aufnahmegesellschaft und staatliches Handeln haben Einfluss auf Traumafolgestörungen. Besonders die jahrelange Unterbringung in Massenunterkünften, eine hohe Abhängigkeit von Behördenhandeln und die ständige Angst vor Abschiebung können fortlaufend traumatisierend wirken. Diese Umstände rufen immer wieder Gefühle von Ohnmacht hervor und halten die Wunden offen.

Deshalb sind unsere psychotherapeutische Behandlung und die Asylsozialberatung stets auch politische Arbeit. Wir setzen uns nicht nur mit dem individuellen Heilungsprozess auseinander, sondern legen auch die gesellschaftlichen und strukturellen Bedingungen offen, die diese Prozesse beeinflussen. Wenn wir verdeutlichen, dass psychische Reaktionen auf gravierende Menschenrechtsverletzungen normal und verständlich sind, hilft das unseren Klient*innen, indem es die Scham mindert, über das Erlebte zu sprechen. Dies ist wiederum von entscheidender Bedeutung bei Anhörungen im Asylverfahren.

Ein ganzheitliches Verständnis von Trauma in Politik, Behörden und Gesellschaft könnte helfen, die Lebensrealität und die Bedürfnisse Geflüchteter zu verbessern. Denn ein gesellschaftspolitisches Umfeld, das Geflüchtete zunehmend ablehnt, ausgrenzt und abschrecken will, erschwert die Heilung von Traumafolgen, für die Sicherheit und Perspektiven unerlässlich sind. Als Facheinrichtung für psychische Gesundheit und Menschenrechtsorganisation ist es deshalb unsere Aufgabe, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Wir setzen uns für Bedingungen ein, in denen geflüchtete Menschen nicht trotz, sondern durch das System und die Solidarität der Gesellschaft gesund werden können. Das bedeutet konkret, dass wir beispielsweise mit der Früherkennung dazu beitragen, dass besondere Schutzbedarfe von Überlebenden von Folter oder Menschenhandel erkannt und beachtet werden. Oder dass wir in der Asylsozial- und Asylverfahrensberatung Klient*innen unterstützen, ihre Gewalterfahrungen in der Anhörung beim BAMF vorzutragen. Und nicht zuletzt ist es ein wesentliches Ziel unserer Öffentlichkeitsarbeit und bei Gesprächen mit Politiker*innen.