In der Traumatherapie muss das Unsagbare und Unfassbare in Worte verwandelt werden. In Sprache, die Klient*in und Therapeut*in verstehen. Dafür sind unsere Kultur- und Sprachmittler*innen unerlässlich.
Sarah Mara ist seit zwei Jahren Kultur-Dolmetscherin bei Refugio München für Französisch, eine gängige Sprache vieler unserer Klient*innen aus afrikanischen Ländern. Dass sie außerdem Yoga-Lehrerin ist und Psycholinguistik studiert hat, hilft ihr bei der Übersetzungs-Arbeit, wie sie im folgenden Interview erzählt:
Sarah, inwiefern geht die Sprachmittlung bei Refugio München über reine Übersetzung hinaus?
In der Therapie bei Refugio München geht es nicht nur darum, die gesprochenen Wörter eins zu eins zu übersetzen. Ich übermittle auch die Emotionen der Klient*innen, damit die Therapeut*innen gut verstehen können, was in den Patient*innen vorgeht. Dafür muss man nicht nur die Sprache sehr gut verstehen, man muss sich auch in die Menschen einfühlen können und da ist das Verständnis für den kulturellen Kontext sehr hilfreich. Das kann ich, weil ich die europäische und die afrikanische Kultur in mir trage. Außerdem hilft mir mein Studium der Psycholinguistik, weil ich auch die nonverbale Kommunikation wahrnehme und transportiere.
Und ich kann zwischen Therapeut*in und Patient*in vermitteln, wenn es um Dinge geht, die in den Kulturen unterschiedlich wahrgenommen werden. Zum Beispiel werden in afrikanischen Ländern psychische Symptome häufig als Hexerei oder Voodoo verstanden. Da kann ich der Therapeut*in erklären, was damit gemeint ist und dass das auf die Patient*in ganz real Einfluss hat.
In einer anderen Einrichtung hatte ich mal einen Termin, wo die Beraterin nicht verstanden hat, warum die Jugendlichen, für die ich übersetzt habe, weder mir noch ihr in die Augen gesehen haben. Sie dachte die Jungen hören nicht richtig zu. Ich habe ihr erklärt, dass es in ihrer bisherigen Kultur – die ich ja kenne – aus Respekt nicht üblich ist, dass jüngere Menschen Erwachsenen in die Augen sehen.
Was ist deine Rolle bei Beratung oder Therapie?
Ich bin die Vermittlerin. Ich übernehme bei der Übersetzung die Rolle der Patientin oder des Patienten und stelle über die reinen Worte hinaus ihre Emotionen und Wahrnehmung für die Therapeut*in dar und genauso umgekehrt. Wenn wir übersetzen, sprechen wir auch in Ich-Form. Das kann sehr anstrengend sein und ich fühle mich nach einer anstrengenden Therapiesitzung manchmal auch wirklich ausgelaugt.
Was sind die Herausforderungen in der Arbeit bei Refugio München?
Die Klient*innen erzählen von sehr schlimmen Erlebnissen. Für mich ist es eine Herausforderung das nicht mitzunehmen, ich muss sehr gut für mich selbst sorgen, damit mich das nicht zu sehr belastet. Ich habe aber gelernt, damit gut umzugehen – mich sozusagen selbst zu reinigen. Yoga ist da zum Beispiel sehr hilfreich. Und ich weiß, dass ich einen sehr wichtigen Beitrag leiste, damit es den Menschen wirklich besser geht. Und das motiviert mich.
Wie reagieren die Klient*innen auf dich als Dolmetscherin?
Die meisten fühlen sich schnell mit mir verbunden. Es hilft ihnen, Vertrauen zu fassen, weil sie hören, dass ich ihre Sprache spreche und weil sie sehen, dass ich auch afrikanische Wurzeln habe. Für die Klient*innen ist es hilfreich, dass ich beide Kulturen kenne und sowohl in die eine wie in die andere Richtung vermitteln kann. Wichtig ist, dass die Klient*innen mir vertrauen. In der Therapie geht es um sehr persönliche und intime Dinge. Die Klient*innen müssen wissen, dass ich sie vertrete und das ausschließlich in ihrem Sinne.

Wenn die Klient*innen ausreichend Deutsch sprechen, steigst du dann aus der Therapie aus?
Gerade bei Jugendlichen ist es oft so, dass sie sehr schnell Deutsch lernen und dann den Ehrgeiz haben, es auch ohne Dolmetscherin zu schaffen. Die sagen das dann auch und es ist gut, wenn sie mich nicht mehr brauchen und ich ihnen den Weg dahin leichter machen konnte. Bei Erwachsenen ist es oft eher die Therapeut*in, die dann irgendwann sagt „Sie können jetzt schon so gut Deutsch, jetzt versuchen wir es mal zu zweit“. Die haben dann schon manchmal ein bisschen Schwierigkeiten, weil sie sich mit mir sicherer gefühlt haben.
Eigentlich wollte ich dich jetzt noch fragen, ob die Übersetzung nicht auch mit KI funktionieren würde. Aber nach allem, was du erzählt hast, ist das eigentlich klar. Oder kannst du dazu noch etwas sagen?
Eine KI kann so etwas nicht, bei dieser Art der Vermittlung von Sprache und Gefühlen, muss so viel von der Persönlichkeit der Klient*innen transportiert werden. Dafür braucht es ein menschliches Verständnis.
Vielen Dank Sarah für diesen Einblick in deine Arbeit als Dolmetscherin!
Das Gespräch führte Heike Martin
